Ein Szenario.
Ich möchte dir kurz eine Kundin vorstellen: Sie ist Mitte 50, hat ihr Business gerade neu aufgestellt, ihr Angebot steht, ihre Idee überzeugt, und sie hat sich vorgenommen, in den nächsten Wochen ihre neue Website bauen zu lassen. Eine Designerin hat sie schon im Auge, ein paar Moodboards sind angefangen, das Budget liegt bereit. Eigentlich ist alles soweit.
Im Vorgespräch kann sie mir sagen, welche Farben sie sich für ihre Website wünscht und auch, welche Schriften sie mag.
Was sie mir dagegen nicht in zwei Sätzen sagen kann: Wie möchte sie heute eigentlich nach außen gehen mit dem Ganzen? Wer ist die Frau, die auf dieser Website gezeigt werden soll? Wofür steht sie?
(so oder so ähnlich schon oft vorgekommen; und vielleicht erkennst du dich auch ein bisschen in ihr wieder).
Was ich damit sagen will: bei vielen, die etwas Neues starten, ist das die Reihenfolge.. Zuerst kommt die Webdesignerin, weil eine Website das ist, was man halt braucht, das ist handfest, man kommt ins Tun und es fühlt sich an wie der erste richtige Schritt nach außen (was ja auch nicht falsch ist). Dann werden erste Texte zusammengestellt oder aus alten Quellen übernommen, weil die Designerin Inhalte braucht und es ja schnell vorangehen soll. Und wenn die Seite eigentlich schon halb steht, fällt auf, dass die Bilder ja gar nicht mehr passen. Entweder sind sie drei Jahre alt und zeigen eine Frau, die so heute nicht mehr arbeitet, oder sie stammen aus einer anderen beruflichen Phase und erzählen eine Geschichte, die längst überholt ist. Dann wird schnell noch ein Shooting hinterhergeschoben, oft mit zu wenig Vorbereitung, und am Ende fügt sich das alles nicht so zusammen, wie man sich das eigentlich gewünscht hatte.
Ich kenne das übrigens aus eigener Erfahrung, weil meine erste Website (und meine zweite und meine dritte, aber lassen wir das) auch ungefähr nach diesem Muster entstanden ist. Erst hatte ich ein Logo, dann irgendwann Bilder, dann Worte, und das Ganze fühlte sich nie wie aus einem Guss an, sondern wie ein nachträglicher Versuch, Ordnung in etwas zu bringen, das nie in einer brauchbaren Reihenfolge entstanden war.
Bevor es an die Website geht, sollte also im Grunde eine andere Frage beantwortet sein, die mit dem Design noch gar nichts zu tun hat. Sie lautet ungefähr so: Wer ist die Frau, die da gezeigt wird? Wie möchte sie gesehen werden? Da geht es es jetzt noch gar nicht um Tagline oder einem Mission Statement, sondern eher um eine Standortbestimmung. Und die Frage ist deswegen so schwer zu beantworten, weil sich bei Frauen 45+, die sich beruflich gerade neu aufstellen, oft schon einiges verschoben hat, ohne dass die dafür schon ein passendes Vokabular gefunden hat.
Erst wenn diese Standortbestimmung sitzt, kommen die Bilder. Sie sind visueller Ausdruck und nicht hübscher Beifang einer Website-Struktur. Und danach kommen die Texte, die sich aus derselben Quelle speisen wie die Bilder. So passen dann auch beide zusammen. Das Design kommt dann ganz am Ende, das dann alles zusammenhält.
Diese Reihenfolge fühlt sich am Anfang vielleicht umständlicher an, sie spart aber am Ende Geld, Zeit und Nachbesserungen. Alles passt von vornherein zusammen und muss nicht aus drei verschiedenen Phasen deines Lebens mühsam zusammengesucht werden.
Bei Frauen, die ihr Business zwischen Anfang 30 und Mitte 40 aufbauen, geht die übliche Reihenfolge oft trotzdem irgendwie auf, weil sich da meistens noch nicht so viel verschoben hat. Bei Frauen, die nach 45 oder 50 in eine neue Phase gehen, sieht das anders aus. Da gab es vielleicht schon ein, zwei berufliche Stationen davor, vielleicht eine längere Familienphase, vielleicht einen bewussten Bruch oder eine Entscheidung, etwas anders zu machen als bisher. All das ist im Gepäck, und das wirkt sich darauf aus, wie diese Frau heute nach außen gehen will. Eine Website, die diese Verschiebung nicht aufnimmt, wirkt entweder, als ginge es um die Frau von vor fünf Jahren, oder sie wirkt austauschbar, weil sie sich an dem orientiert, was andere im selben Feld auch zeigen.
Genau deshalb arbeite ich mit meinen Kundinnen schon vor dem Shooting an dieser Standortbestimmung. Und das Shooting ist dann der Punkt, an dem wir nach mehreren Wochen gemeinsamer Vorarbeit ankommen, in denen wir sortiert haben, wer die Frau ist, die da fotografiert werden soll, mit welcher Positionierung sie heute nach außen gehen möchte, welche Worte dafür gebraucht werden und welche Bildsprache zu dieser Positionierung passt. Die Website denken wir dabei von Anfang an mit. Hier wird das, was wir vorher erarbeiten, sichtbar. Meine Kundin hat danach nicht nur ein paar aktualisierte Bilder, sondern eine Standortbestimmung, aus der heraus die Texte, die Bildauswahl und die Designentscheidungen direkt folgen.
Dieser erste Schritt sollte in meinen Augen nicht übersprungen werden, auch wenn es sich verlockend anfühlt, direkt mit dem Sichtbaren anzufangen (weil natürlich, das macht viel mehr Spaß). Für diesen Prozess erarbeite ich gerade einen eigenes Framework, über das ich an anderer Stelle noch mehr schreiben werde.
Wenn du gerade dabei bist, deine neue Website zu planen, würde ich dir empfehlen, eine kleine Pause einzulegen, bevor du jemanden beauftragst. Setz dich hin und schreib auf, was sich in deinem Business in den letzten zwei Jahren tatsächlich verschoben hat, was du heute anders siehst als noch vor einer Weile. Schreib auf, mit welcher Haltung du heute nach außen gehen möchtest, also nicht nur, was du anbietest, sondern auch, wer du sein willst, wenn jemand zum ersten Mal auf dich und deine Arbeit trifft. Schreib auf, welche drei oder vier Begriffe deine Positionierung tragen sollen und welche du bewusst nicht mehr verwenden willst, auch wenn sie in deiner Branche vielleicht gerade alle benutzen. Und schreib auf, mit welchen eigenen Worten du selbst über deine Arbeit sprichst, wenn du dich gerade niemandem erklären musst.
Das ist dann natürlich noch keine fertige Positionierung, aber sehr wichtiges Rohmaterial, das jeder gute Prozess danach braucht.
Und falls du an dem Punkt stehst, an dem du dir eine Fotografin wünschst, die der Vorarbeit genauso viel Raum gibt wie dem Shooting selbst, mit der du die Standortbestimmung von Anfang an gemeinsam machst und mit der die Website-Frage als Ziel des Ganzen mitläuft, dann lass uns in einem Erstgespräch unterhalten. Wie viel Begleitung du dabei wirklich brauchst und in welcher Form du die Website am Ende umsetzen willst, schauen wir dort gemeinsam an. Was meine Kundinnen aus diesem Prozess am Ende mitnehmen, ist in den meisten Fällen nicht nur eine neue Bilderwelt, sondern ein Auftritt, der sich wirklich nach ihnen anfühlt und nicht nach einer aufgehübschten Version dessen, was sie vorher schon hatten.
Zusammengefasst: Wenn du eine neue Website planst, fang nicht beim Design an, sondern bei deiner Positionierung. Erst wenn klar ist, wer die Frau ist, die da gezeigt werden soll, machen Bilder, Texte und Design wirklich Sinn. Vor allem Frauen 45+, die sich beruflich neu aufstellen, sparen sich damit viel Zeit, Geld und Nachbesserungen.